Die Mieter laufen davon
Hoher Leerstand bei städtischen Wohnungen / Jetzt sollen die Mieten steigen
Gütersloh. Drei Zimmer, 56,90 Quadratmeter, Gesamtmiete 374 Euro, frei ab 28. Februar. Das ist nicht die einzige Wohnung im städtischen Bestand, die im Quartier an der Hermann-Hesse-Straße leersteht. Und auch für Komplexe Auf dem Knüll oder die Hochhäuser an der Fröbel- und Pestalozzi-Straße werden Mieter gesucht. Die Chancen zur Neubelegung werden sich in absehbarer kaum verbessern. Im Gegenteil, es droht eine neue Auszugswelle.
Denn im Zug der Haushaltskonsolidierung sollen noch im Laufe dieses Jahres die Mieten für die 600 städtischen Wohnungen erhöht werden. Wie hoch die Steigerung ausfällt, ist noch unklar. Aber die Folgen der jüngsten Anhebung im Jahr 2007 sind noch heute spürbar. Viele Mieter haben damals ihre Verträge gekündigt, was die Leerstandsquote emporschnellen ließ.
Mit genauen Angaben hält die Stadt hinterm Berg. Baurat Josef E. Löhr räumt lediglich ein, die Quote liege "deutlich höher" als bei den örtlichen Wohnungsbauunternehmen, wo 0,5 bis 1,5 Prozent der Wohnungen leerstehen. Ein Blick ins Internet reicht indes, um das wahre Ausmaß zu erahnen.
Auf ihrer Homepage führt die Ravensberger Heimstätten GmbH, die von der Stadt mit der Wohnungsverwaltung beauftragt ist, derzeit eine Liste von 55 Mietangeboten in Gütersloh auf. Somit dürfte die Leerstandsquote, über die öffentlich niemand reden möchte, schon jetzt fast 10 Prozent betragen.
Und nun soll obendrein auch noch an der Instandhaltung gespart werden. In der Haushaltsklausur Mitte Januar hatte die Politik für die Immobilienwirtschaft ein Einsparvolumen von 700.000 Euro spätestens ab 2012 vorgegeben. Vom Gesamtvolumen des Fachbereichs (15 Millionen Euro) sind freilich nur knapp 1,2 Millionen Euro nicht fest verbucht: Eine Million Euro für die Instandhaltung und 175.000 Euro Verwaltergebühr.
Wenn künftig mehr als die Hälfte dieser Summe eingespart wird, besteht nicht nur die Gefahr, dass die Stadt als Eigentümerin gegen gesetzliche Leistungsverpflichtungen verstößt. Vielmehr verlieren die Wohnungen überdies weiter an Wert und Attraktivität.
Während andere Vermieter ihre Überschüsse gleich wieder in den Bestand reinvestieren, fehlt es bei der Stadt seit vielen Jahren an den erforderlichen Mitteln. Die hat zu einem erheblichen Investitionsstau geführt. Selbst der aktuelle Ansatz von jährlich einer Million Euro reicht da bei weitem nicht aus.
Ein glänzendes Beispiel für zukunftsgerechte Wohnungswirtschaft gibt hingegen der Bauverein Gütersloh ab. Seit etwa sechs Jahren werden die rund 1.600 Wohnungen im Bestand kontinuierlich modernisiert, Fassaden wärmegedämmt, Balkone angebaut, die Grünanlagen auf Vordermann gebracht.
"Das rechnet sich nicht sofort, aber mittelfristig", sagt Geschäftsführer Wolfgang Schmelz. Das beweist die aktuelle Leerstandsquote beim Bauverein: 0,3 Prozent.
Als weitere Gründe für den Erfolg führt Schmelz die "hervorragende innenstadtnahe Lage" der Wohnungen aus. Zudem sei die relativ geringe Durchschnittsgröße um die 60 Quadratmeter optimal. Demographischer Wandel, mehr Single-Haushalte, Hartz-IV-Vorgaben nennt Schmelz in diesem Zusammenhang als Stichworte.
Aber was kann die Stadt unternehmen, um aus ihrem Dilemma zu kommen? Einerseits muss sie sparen, andererseits drohen bei weiter verringerter Instandhaltung Sonderabschreibungen und noch mehr Leerstände. Für Stadtbaurat Löhr ist es klar: "Wir müssen neue Wege gehen." Also Verkauf der Wohnungen? Dafür gebe es derzeit kleinen Markt. Doch was der Stadt stattdessen vorschwebt, wollte Löhr noch nicht preisgeben.