„Die Spar-Grenze ist mit mir erreicht“
[img_assist|nid=74|title=|desc=|link=none|align=left|width=200|height=200]INTERVIEW: Bibliotheks-Chef Wolfgang Sieveking baut 4,5 Stellen ab – darunter seine eigene
Gütersloh. 200.000 Besucher werden im Jahr registriert, im Kundenstamm sind 12.000 aktive Leser. In der Stadtbibliothek Gütersloh herrscht ein reges Kommen und Gehen; in 25 Jahren ist das Haus an der Blessenstätte ein außergewöhnliches Drehkreuz der Innenstadt geworden. Sieben Jahre hat Geschäftsführer Wolfgang Sieveking die Geschicke des Medienhauses geleitet. Zum Jahresende ist nun Schluss. Der 58-Jährige wechselt in die Stadtverwaltung.
Zum Abschluss sprach er mit Redakteurin Jeanette Salzmann über die Zukunft in der Welt der Bücher und Finanzen.
Herr Sieveking, mal angenommen Sie hätten jetzt Pause und dürften sich zum Lesen ein paar Minuten hinsetzen. Welche Abteilung der Bibliothek würden Sie wählen?
SIEVEKING: Das Lesecafé im Erdgeschoss. Da gibt es inzwischen eine Auswahl von 120 Zeitungen und Zeitschriften.
Da könnten Sie dann in Ruhe über die neuesten Sparmaßnahmen der Stadt nachdenken, von denen Sie auch deutlich betroffen sind. Seit Jahren wird Ihr Etat reduziert. Was glauben Sie, welchen Stellenwert hat die Stadtbibliothek in der Gütersloher Politik?
SIEVEKING: Ich glaube nach wie vor, dass diese Einrichtung einen hohen Stellenwert hat,
auch wenn ich verstehen kann, dass es in der Öffentlichkeit vielleicht anders wahrgenommen wird. Stadtverwaltung und Politik sind genötigt, einen kritischen Blick über alle Einrichtungen zu werfen und sich zu fragen, auf welchem Niveau sie ihre Angebote betreiben wollen. Das gilt auch für die Stadtbibliothek.
Und auf welchem Niveau soll die Stadtbibliothek sich bewegen?
SIEVEKING: Man muss bereit sein, das Niveau zu senken. Die Finanzsituation ist kritisch. Die Einschnitte werden erst in den kommenden Jahren wirksam.
Konkret wird vorgeschrieben, dass die Stadtbibliothek 4,5 Stellen oder rund 200.000 Euro einsparen soll. Schaffen Sie das?
SIEVEKING: Ja. Wir haben unsere Hausaufgaben bereits gemacht. Durch Altersteilzeitverträge und den zukünftigen Wegfall der stellvertretenden Geschäftsleitung, bauen wir die geforderten Stellen ab. Dazu werden wir 2011 ein Selbstverbuchungssystem einführen. Dann müsste es zu schaffen sein.
Sind Sie damit am Limit der Sparmöglichkeiten angelangt?
SIEVEKING: Wir bewegen uns deutlich auf eine Grenze zu. Sollten weitere Sparzwänge erfolgen, wird das nicht ohne erhebliche Leistungseinbußen möglich sein. Irgendwann kippt das Niveau. Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, vernünftige Öffnungszeiten anzubieten oder unseren Medienbestand aktuell zu halten, dann sinkt das Interesse des Kunden. Das wäre der Einstieg in den Ausstieg.
20 Euro kostet der Leseausweis für Erwachsene pro Jahr. Kann dieser Preis noch gehalten werden?
SIEVEKING: Ja, daran halten wir unbedingt fest. Wir machen ja nicht die erste Haushaltskonsolidierung mit (lacht). Nur haben wir in der Spar-Runde 2003 etwas gemacht, was man nicht tun sollte: Leistungen gesenkt, den Montag geschlossen, Ausweiskosten erhöht. Das hat uns knapp 10 Prozent unserer Leser gekostet. Bis heute haben wir das nicht wieder eingefangen.
Viele mögen es vergessen haben, aber bezahlt hat den Bau der Stadtbibliothek zur Hälfte einst Reinhard Mohn. Wie bewerten Sie die Rolle der Bertelsmann Stiftung als Anteilseigner?
SIEVEKING: Seit etwa drei Jahren wird die Zusammenarbeit zunehmend geringer bis zu nicht mehr vorhanden. Das finde ich bedauerlich, aber die Bertelsmann Stiftung hat entschieden, ihren Schwerpunkt der Förderung von Bibliotheken aufzugeben. Sämtliche Innovationen in diesem Bereich sind früher in Gütersloh erprobt worden. Davon haben wir mindestens 15 Jahre profitiert.
Wir stecken in einer Zeit der Digitalisierung. Vor allem im Mediensegment. Große Buchläden mit 2.000 Quadratmeter Verkaufsfläche könnten in 20 Jahren überflüssig werden, weil die Zukunft dem e-book gehört. In welche Richtung geht die Entwicklung der Bibliotheken?
SIEVEKING: Auch wir müssen digitalisieren, das heißt wir brauchen Datenbanken. Wir leihen heute schon digitale Bücher aus, wir werden sehen, wie dieses Angebot sich entwickelt. Bibliotheken werden sich aber insgesamt wegentwickeln vom „Ausleihbetrieb“ hin zu einem Informationsdienstleister, zum Kommunikationstreff, zu einem Informationspool, zu einem Piloten im Informationsdschungel.Und sie sind Lernort. Das Berufsbild des Bibliothekars wird sich dahingehend auch massiv ändern. Zukünftig wird es um Informationsdienstleistung gehen.
Treffpunkt Bibliothek. Heißt das,auch Veranstaltungen weiter auszubauen?
SIEVEKING: Ja, vielleicht auch Kurse. Wir verfolgen mit der Volkshochschule Gütersloh momentan das Ziel der strukturellen Zusammenarbeit.
Prima, dann gibt es ja doch noch Einsparpotenzial...
SIEVEKING: Ob und wie eine Kooperation überhaupt machbar ist, muss noch geprüft werden. Ich warne aber davor, mit diesem möglichen Schritt eine Kostensenkung zu verknüpfen. Die sehe ich nicht.
Petra Imwinkelried ist seit zwei Jahren Ihre Stellvertreterin und wird nun Ihre Nachfolge antreten. Welche Aufgaben wird sie schultern müssen?
SIEVEKING: Sie übernimmt ein modernes Haus. Vor zwei Wochen ist ganz aktuell unser Wlan-Anschluss im gesamten Gebäude angeschlossen worden. Jeder Bibliotheksnutzer kann ab Januar mit seinem Notebook unter dem Arm hierher kommen und sich quer durchs Haus ins Internet einwählen. Aber darüber hinaus muss Frau Imwinkelried natürlich den Spagat zwischen Qualitätssicherung und geringer werdenden finanziellen Mitteln leisten.
Und wenn Sie auf ihre sieben Jahre in der Bibliothek zurückblicken, was hat Ihnen gefallen?
SIEVEKING:Alles, denn ich bin immer gerne hier her gekommen. Aber was mir besonders gefallen hat, ist die Tatsache der eigenständigen Organisation. Wir sind schnell, wir sind flexibel.
Mit wem haben Sie besonders gerne zusammengearbeitet?
SIEVEKING: Mit den Schulbibliotheken. Das ist ein Team von hochengagierten Kolleginnen, die sich in weiten Teilen als Einzelkämpfer behaupten müssen. In insgesamt neun weiterführenden Schulen sind Kräfte der Stadtbibliothek vertreten und leiten dort die Schulbibliothek. Sie organisieren alles, vom Medienetat bis hin zu Veranstaltungen. Ein richtig gutes Team, das schon einmal ernsthaft bedroht war. Vor sechs Jahren lautete die Spar-Forderung der Politik: abschaffen und 220.000 Euro einsparen.
Mal angenommen, Sie müssten nicht sparen, sondern dürften mal Geld ausgeben. Welche Projekte würden Sie verwirklichen?
SIEVEKING: Da habe ich eine lange Liste: Zunächst die Öffnungszeiten erweitern und Montags wieder öffnen. Am Samstagnachmittag bis mindestens 16 Uhr verlängern und auch in den Wintermonaten Sonntagnachmittag öffnen. Das ist sinnvoll, wird aber sehr kontrovers diskutiert. Dann würde ich gerne jedem Neugeborenen in Gütersloh ein Buch schenken samt Leseausweis. Dazu ein paar Erläuterungen für die Eltern, um klar zu machen, wie wichtig die Vermittlung von Lesekompetenz ist. Die Bibliotheken an Grundschulen würde ich gerne aufpolieren sowie unseren eigenen Medienetat auf die festgelegten 15 Prozent Erneuerung bringen. Zurzeit erreichen wir 11 Prozent – immerhin. Und zuguterletzt steht auf der Wunschliste ein Bücherbus, der regelmäßig durch die umliegenden Ortschaften wie Spexard, Avenwedde oder Isselhorst und Friedrichsdorf fährt und all diejenigen mit Medien versorgt, die nicht ausreichend mobil sind – da denken wir vor allem an ältere Menschen. Das wären alles schöne Sachen, oder?
Sie sperren Ihre Traumwerkstatt ja gerade selbst zu. Sie verlassen die Stadtbibliothek und wechseln in die Stadtverwaltung und zwar an eine Stelle, wo Sie schon einmal waren. War das Alte so gut?
SIEVEKING: Die Annahme, ich kehre zurück an meinen alten Platz, stimmt so nicht. Es gibt
eine Neuorganisation des gesamten Fachbereichs Jugend. Das bekannte Jugendamt, wo ich früher tätig war, wird es dann in der Form nicht mehr geben. Die Erziehungshilfe wandert in den Fachbereich Soziales. Tages und Jugendeinrichtungen werden dem Fachbereich Schule zugeordnet.
Sie leiten ab Januar also den Fachbereich Soziales. Gibt es etwas, dass Sie aus Ihrer Arbeit in der Stadtbibliothek mitnehmen?
SIEVEKING: Vielleicht gelingt es mir in der Stadtverwaltung im neuen Fachbereich „Familie und Soziales“ etwas mehr in Sachen Sponsoring zu erreichen. In dieser Hinsicht haben wir hier in der Bibliothek durch unsere zahlreichen Veranstaltungen eine Menge gelernt. Darüber hinaus wünsche ich mir, Teile der hier vorhandenen Selbständigkeit
mitnehmen zu können: Kurze Wege, schnelle Entscheidungen. Das tut gewiss auch meiner der Arbeit im Rathaus gut.